Die Szene, die alles ins Rollen brachte
Neulich am Kaffeetisch.
Wir erzählen stolz, dass unser Sohn – dank Laufrad – schon mit 3,5 Jahren Fahrrad fahren kann. Das Ding war plötzlich einfach „dran“. Kein Drama, keine Zwangsübungen, nur diese Lust auf „Ich will jetzt Pedale treten!“.
Die Familie war begeistert: „Wow, das ist aber früh!“, „Toll, dass er das schon kann!“ – wir grinsten wie Honigkuchenpferde.
Ein Jahr später: Seine Cousine, jetzt fünf, fährt auch. Der Kommentar ihrer Mama? „Endlich!“
Ich schluckte. Nicht, weil mich das stört, sondern weil es so viel verrät: Früher wäre fünf völlig normal gewesen. Heute klingt es wie „überfällig“.
Meine unpopuläre Meinung:
Nicht die Kinder sind langsamer. Wir erwarten schneller. Manche Meilensteine haben sich nach vorne verschoben – und plötzlich fühlt sich normal wie „zu spät“ an.
Früher vs. heute: Wie sich Meilensteine verschieben
1. Wir haben mehr Möglichkeiten – und mehr Vergleich
Früher gab’s kein Instagram, keine Pinterest-Boards mit „10 Fähigkeiten, die dein Kind mit 4 haben sollte“. Heute sind wir dauerbeschallt mit Meilenstein-Listen, Videos von Dreijährigen, die Geige spielen, und Spielzeugtrends, die ein Kind angeblich „fördern“.
2. Wir starten viele Dinge früher
Laufräder, Schwimmkurse, Sprachförder-Apps – alles schon im Kita-Alter. Praktisch, ja. Aber es schiebt die Vergleichs-Latte nach vorn.
3. Wir verschieben anderes nach hinten
Allein zu Hause bleiben, selbstständig kochen, kleine Botengänge – heute oft später, weil Sicherheit und Vorsicht wichtiger sind.
WTF-Fakt #1: Ein Kind, das mit fünf Fahrrad fährt, ist nicht spät dran – es ist genau da, wo jahrzehntelang alle waren.
Unser Radfahr-Abenteuer – und was es mir gezeigt hat
Als unser Sohn mit 3,5 das Fahrrad wollte, war das keine „Challenge“. Wir haben ihm eins besorgt, Stützräder direkt weggelassen, und dann: ein paar wacklige Starts, ein paar Lachanfälle – und zack, fuhr er.
Das Wichtigste dabei:
- Er wollte selbst – kein „Jetzt musst du aber“.
- Laufrad als Basis – Balance war schon da.
- Kurze Einheiten – 5–10 Minuten, dann Pause.
- Ort ohne Publikum – Wiese statt voller Spielplatz.
Und dann die Erkenntnis:
Nur weil er früh dran war, heißt das nicht, dass andere spät dran sind.
Schwimmen – das Paradebeispiel für verschobene Erwartungen
Früher haben viele Kinder in der ersten oder zweiten Klasse schwimmen gelernt. Heute höre ich schon in der Kita: „Wir gehen jetzt in den Schwimmkurs, er ist ja schon vier!“
Unser Vierjähriger liebt Wasser – zum Planschen. Schwimmbewegungen? Nope, gerade nicht. Und das ist okay.
Kinder fördern heißt hier:
- Wassergewöhnung (Gesicht nass machen, Pusten ins Wasser)
- Spaß vorm Ernst (Sprünge ins Wasser, Tauchtiere holen)
- Kein Druck („Die anderen können schon…“ lassen wir weg)
WTF-Fakt #2: Viele Kinder machen große motorische Sprünge nach Wachstumsschüben – nicht linear.
Spielzeug & Co – warum „Babykram“ manchmal Gold ist
Ich geb’s zu: Ich liebe Duplo.
Große Steine, keine Mini-Teile, kreative Welten. Und wenn unser Vierjähriger damit stundenlang baut, dann ist das kein Rückschritt, sondern top Förderung: Feinmotorik, Fantasie, Ausdauer.

Kinder fördern im Spiel heißt:
- Flow vor Level – lieber 60 Minuten in einer Sache vertieft als 3 Minuten „zu schwer“.
- Spielzeug rotieren statt ständig neu kaufen.
- Offene Materialien anbieten (Bausteine, Tücher, Kartons).
WTF-Fakt #3: Wiederholung ist kein Zeichen von Stillstand – das Gehirn liebt sie für stabile Lernverbindungen.
Medien – mein Dauerherzthema
Ja, Medien gehören bei uns dazu. Nein, sie sind kein Babysitter.
Unser Ansatz:
- Gemeinsam starten – mitgucken, mitreden, Stopptaste zeigen.
- Klare Slots – vorher ansagen, wann’s losgeht und wann Schluss ist.
- Alternative direkt danach – z. B. „Nach der Folge wollen wir Duplo bauen oder raus?“
WTF-Fakt #4: Kinder, die früh lernen, Medienzeiten einzuhalten, übertragen dieses Skill später auf andere Lebensbereiche (Hausaufgaben, Hobbys, Pausen).
Warum ich meinen Kindern Zeit lasse – und was das bringt
Ich habe gelernt:
- Früher können ≠ früher müssen
- Manche Dinge kommen schnell, andere später – beides ist normal
- Druck killt Motivation
- Vergleich macht unglücklich (Eltern mehr als Kinder)
Wenn mein Kind bei etwas später dran ist? Ich atme tief durch, erinnere mich an unser Fahrrad-Beispiel und denke: Es wird schon.
7 Mini-Tipps, um den Meilenstein-Druck loszulassen
- Vergleiche nur mit gestern – nicht mit der Cousine.
- Feiere kleine Schritte – auch das erste „Ich traue mich“ ist ein Meilenstein.
- Mach’s spielerisch – Lernen im Alltag wirkt stärker als im „Förderprogramm“.
- Vertraue auf Reifezeichen – dein Kind zeigt dir, wenn’s so weit ist.
- Lass Pausen zu – oft kommt der Sprung nach dem Stillstand.
- Binde dein Kind ein – lass es entscheiden, wann es etwas probieren will.
- Schütze vor Kommentaren – ein „Es passt so, wie es ist“ wirkt Wunder.
Q&A – typische Fragen
Was, wenn mein Kind wirklich hinterher ist?
Dann gilt: Erst beobachten, dann ggf. fachlich abklären – ohne Panik.
Ist frühes Können nicht ein Vorteil?
Kann sein, muss aber nicht. Wichtig ist, ob dein Kind auch Spaß daran hat.
Wie gehe ich mit Kommentaren um?
Freundlich lächeln oder klar sagen: „Wir lassen ihm/ihr die Zeit, die er/sie braucht.“
Fazit
Kinder fördern heißt für mich: Anbieten, nicht antreiben.
Meilensteine sind Orientierung, kein Wettrennen.
Und wenn ich heute an das „Endlich“ der Cousinen-Mama denke, muss ich lächeln.
Weil ich weiß: Beide Kinder fahren jetzt Fahrrad. Beide sind glücklich. Alles andere ist Nebensache.

