Okay, pass auf. Ich erzähl dir, wie ich überhaupt an diesen Punkt gekommen bin.
Eins meiner Kinder hat sich von Anfang an anders verhalten, als ich es erwartet hatte.
Nicht falsch. Nicht schwierig.
Einfach… intensiv.
Es gab Tage, da bekam ich auf jede Bitte ein „Nein“.
Es gab Momente, da brach mein Kind in Tränen aus, obwohl „nichts“ passiert war.
Und es gab Situationen, da klammerte es so sehr, dass ich kaum einen Schritt gehen konnte.
Und die Welt um uns herum hatte – natürlich – sofort Ratschläge parat:
„Du musst konsequenter sein.“
„Lass das Kind nicht so bestimmen.“
„Das ist doch alles nur Aufmerksamkeit.“
Aber tief in mir wusste ich…
Das erklärt rein gar nichts.
Ich wollte das Verhalten von Kindern verstehen – nicht zurechtrücken, nicht wegdrücken, sondern wirklich begreifen.
Also habe ich angefangen zu suchen.
Und plötzlich tauchte überall das gleiche Wort auf: Bedürfnisse.
Nur dass niemand sich einig war, wie viele es gibt.
20?
80?
Über 300?
Ich saß davor wie vor einem gigantischen Puzzle und dachte:
Wie soll Mutter im Alltag damit arbeiten?
Ich hatte ja selbst kaum Zeit, überhaupt einen Artikel zu Ende zu lesen – geschweige denn 300 Bedürfnisse auswendig zu können.
Also hat mein Redakteurinnen-Ich übernommen:
Ich hab sortiert, gebündelt, reduziert.
Bis das Ganze endlich alltagstauglich wurde.
So sind meine sechs Bedürfnisbereiche entstanden:
- Ruhe & Entspannung
- Sicherheit & Geborgenheit
- Bewegung & Körpererfahrung
- Forschergeist & Abenteuer
- Freies Spiel & eigene Ideen
- Selbstständigkeit & Alltag entdecken
Und heute schauen wir uns einen dieser Bereiche genauer an —
einen, der so unfassbar viele Verhaltensweisen erklärt, aber viel zu oft falsch gedeutet wird:
Sicherheit & Geborgenheit.
Sicherheit & Geborgenheit: Warum Kinder Nähe brauchen, um Verhalten regulieren zu können
Kinder wirken oft „anhänglich“, „schüchtern“ oder „unsicher“.
Aber das ist oft nicht ihr Charakter — das ist ihr Nervensystem.
Wenn ein Kind Nähe sucht, sagt es nicht:
„Ich will dich kontrollieren.“
Es sagt:
„Ich brauche Halt, damit ich weitermachen kann.“
Und das gilt nicht nur für große Trennungssituationen.
Sicherheit zeigt sich überall:
- im Klammern
- im ständigen „Mamaaa?“
- im Weinen bei Übergängen
- im versteckten Kopf beim Besuch
- im nicht-loslassen-können beim Abschied
Warum Nähe kein „Extra“ ist, sondern Voraussetzung
Kinder können erst kooperieren, wenn sie sich sicher fühlen.
Sicherheit ist die Basis, auf der alles andere entsteht: Mut, Selbstständigkeit, Regulation, Sprache, Kooperation.
Das ist der Teil, den viele Erwachsene falsch verstehen:
Ein Kind, das sich sicher fühlt, kann loslassen.
Ein Kind, das sich unsicher fühlt, klammert.
Immer.
Und das ist kein Fehler im System – das IST das System.
Sicherheit entsteht durch Verbindung, nicht durch Worte
Erklärungen helfen nicht, wenn ein Kind innerlich fällt.
Was hilft?
- Blickkontakt
- Körperkontakt
- eine ruhige Stimme
- ein kurzer Moment „Ich bin da.“
Du musst nicht lange kuscheln.
Nicht extra spielen.
Nicht pädagogisch wertvoll handeln.
Du musst kurz erreichbar sein.
Damit sagt dein Körper dem Nervensystem deines Kindes:
„Du bist sicher. Du kannst mich loslassen, wenn du soweit bist.“
Warum wir oft erst reagieren, wenn es schon knallt
Sicherheit ist ein Bedürfnis, das im Alltag leicht übersehen wird:
morgens zwischen Brotdose, Jacke und Kita
mittags nach einem vollen Tag
abends, wenn die Nerven aller dünn sind
Viele Eltern merken erst in der Trennungssituation, was fehlt.
Aber Sicherheit wirkt vorher — in kleinen, wiederkehrenden Kontaktmomenten.
Darum zeig ich dir drei typische Alltagssituationen, die sofort entlasten.
Morgens: Der Übergang von Zuhause in die Welt
Der Morgen ist ein Riesenwechsel für Kinder:
von vertraut → zu fremd
von warm → zu laut
von Nähe → zu Gruppen
Hilft sofort:
- einmal in die Augen schauen
- ein kurzer Satz wie „Wir machen das zusammen“
- 5–10 Sekunden Nähe
Dieser kleine Moment trägt oft durch den ganzen Vormittag.

Mittags: Wenn das Kind „klebt“
Viele Kinder kommen aus Kita oder Alltag zurück wie kleine Satelliten, die erst landen müssen.
Das Verhalten sagt nicht: „Ich will dich nerven.“
Es sagt: „Ich brauche kurz meine Basis.“
Hilft sofort:
- kurze Nähe
- ruhige Stimme
- etwas Vertrautes (Snack, Buch, Sofa)
Danach lösen sie sich häufig von allein.
Abends: Wenn der Akku leer ist und Nähe die letzte Ressource wird
Abends geht Kindern schnell die Regulation aus.
Da braucht es keinen Vortrag.
Da braucht es Halt.
Hilft sofort:
- ruhiger Ablauf
- Orientierung („Jetzt Zähne, danach kuscheln wir.“)
- körperliche Nähe frühzeitig anbieten
Viele Abenddramen lösen sich, wenn ein Kind sich sicher fühlt –
nicht, wenn es sich „zusammenreißen“ soll.
Muss ich jetzt ständig verfügbar sein?
Nein.
Niemand kann das.
Und dein Kind braucht das auch nicht.
Sicherheit heißt nicht permanente Nähe.
Sicherheit heißt:
„Wenn etwas kippt, finde ich dich.“
Und das reicht.
Und denk dran:
Sicherheit ist nur ein Bedürfnisbereich.
Kinder brauchen auch Bewegung, Ruhe, Abenteuer, Spiel, Selbstständigkeit.
Nicht alles jeden Tag.
Sondern das, was gerade gebraucht wird.
Willst du Verhalten noch klarer lesen können?
Ich habe 20 typische Verhaltensweisen entschlüsselt und erklärt, welche Bedürfnisse dahinterstecken- hilft sofort im Alltag.


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